"Homophobie ist heilbar" - aber nicht durch Bloßstellen!
Angesichts der sich häufenden Medienanfragen über den sächsischen CDU-Politiker Kai Hähner und dessen homophobes Feedback zum CSD in Leipzig fühlen sich die Organisatoren des CSD Leipzig mittlerweile zu folgender Klarstellung genötigt.
Herr Hähner hat uns am 21.7. über das Kontaktformular auf der Leipziger CSD-Website folgende persönliche Mitteilung zukommen lassen:
Sehr geehrte Damen und Herren,
eines vorweg. Ich leide nicht an Homophobie. Allerdings finde ich es unerträglich, wie Sie Ihre Lebensweise in die Öffentlichkeit tragen und somit einer Vielzahl von Menschen regelrecht aufdrängen. Leben Sie, wie Sie wollen, im Privaten und lassen Sie andere mit Ihrer Abnormalität in Ruhe. Und nun noch ein paar Worte zu dem Interview bei MDR Info am vergangenen Wochenende. Durch Ihre öffentlichen Auftritte und das Zurschaustellen Ihrer Lebensweise gilt Homosexualität in einer immer liberalen werdenden Gesellschaft inzwischen als "Trendy". Und somit verleiten Sie Jugendliche, die sich in einer sexuellen Findungsphase sind. Jedoch war die Äußerung einer Konfrontation mit Homosexualität gegenüber Kindergartenkindern eine unerträgliche Unverschämtheit. Sollte dies in diesem Land tatsächlich passieren und Kinder schon im Vorschulalter mit Homosexualität konfrontiert werden, werde ich der erste sein, der die Verantwortlichen dafür vor Gericht bringt.
Mit freundlichen Grüßen Kai Hähner
Im Namen des CSD in Leipzig hat daraufhin die gleichstellungspolitische Referentin der Stadt Leipzig, Frau Kathrin Darlatt, ihm folgendes geantwortet:
Sehr geehrter Herr Hähner,
da ich im Auftrag der Stadt Leipzig an der inhaltlichen Ausgestaltung der Christopher-Street-Day Veranstaltungen, insbesondere der Podiumsdiskussionen, die das Problem homophober Einstellungen thematisieren, beteiligt bin, möchte ich mich zu Ihrer Mitteilung äußern. Ich verstehe Sie, auch ich bzw. das CSD-Team sind nicht einverstanden, wie die so genannte Lebensweise von Homosexuellen durch die Medien in die Öffentlichkeit getragen wird. Es ist leider immer noch so, dass Zeitungen oder Filmberichte ein schrilles Klischee bevorzugen, um Aufmerksamkeit zu erzielen. Wir bemühen uns um eine andere Darstellung. Deshalb würde ich Sie auch gern als CDU - Politiker für ein Podiumsgespräch zum Themenkomplex Homosexualität im nächsten Jahr zum Christopher-Street-Day einladen. Leider haben sich in den vergangenen Jahren keine Vertreter der CDU bereit gefunden, mit den Diskutanten ins Gespräch zu kommen, um ihre Standpunkte auszutauschen. Wir sind jedenfalls sehr daran interessiert, mit Ihnen in den Dialog zu treten, um gerade solche Vorurteile, Homosexualität sei trendy und verleite Jugendliche in der Findungsphase, auszuräumen. Kein Junge in der Findungsphase würde sich freiwillig als Schwuchtel, schwule Sau oder abnormaler Abschaum beschimpfen lassen. Seien Sie versichert - Homosexualität ist kein Hobby! Ich denke, es gibt viel zu klären, deshalb würde ich mich über eine Antwort sehr freuen.
Mit freundlichen Grüßen Im Auftrag Kathrin Darlatt
Der Hintergrund für diese deeskalierende Reaktion von uns ist, dass wir als CSD in Leipzig unser Motto "Homophobie ist heilbar" sehr ernst nehmen und davon überzeugt sind, dass sich Vorurteile nur durch Aufklärung und Diskussion, aber niemals durch (mediales) Bloßstellen abbauen lassen. Insofern war im CSD-Team schnell Konsens darüber, dass wir die Nachricht von Herrn Hähner vertraulich behandeln wollen.
Anscheinend positiv überrascht durch unser Gesprächsangebot hat Herr Hähner daraufhin Frau Darlatt angerufen und mit ihr fast 15 min angeregt diskutiert. In diesem Gespräch hat er verdeutlicht, dass dies seine private Meinung ist und dass es generell für CDU - Politiker schwierig ist, in solche Diskussionsrunden zu gehen, weil ja die CDU Positionen dem ganzen widersprechen würden.
Dass die Nachricht von Herrn Hähner nun auf Wegen, die noch ungeklärt sind, doch an die Öffentlichkeit gelangte, ist uns äußerst unangenehm, da dadurch der begonnene persönliche Dialog erstmal unterbunden wurde.
Aber mittlerweile ist die persönliche Nachricht von Herr Hähner bei Facebook tausendfach gelesen und in verschiedenen Online-Portalen mehr oder weniger richtig publiziert worden, weshalb unsere anfänglich begründete Zurückhaltung nun auch keinen Sinn mehr macht!
Die öffentliche Empörung über die Äußerungen von Herrn Hähner entzündet sich ja zu Recht an dem leider noch besonders in konservativen Kreisen verbreiteten Irrglauben, dass Kinder und Jugendliche zur Homosexualität "verleitet" werden können. Ich persönlich habe Herrn Hähner deshalb dazu noch folgendes per E-Mail geschrieben:
"Finden Sie es gut, wenn bspw. 7-jährige im Fussballverein bei einem Fehlpass von einem "schwulen Ball" reden? Das ist nur ein Beispiel dafür, dass gegen Homophobie bereits sehr früh etwas getan werden muss, bevor sich Vorurteile verfestigen. Wie so etwas konkret geschehen kann, darüber lässt sich natürlich diskutieren. Fakt und wissenschaftlich erwiesen ist aber auch, dass kein Kind zur Homosexualität "verführt" werden kann. Entweder es trägt die Veranlagung bereits in sich oder auch nicht. Insofern spricht auch nichts dagegen, schon im Kindergarten darüber aufzuklären, dass es andere Lebensweisen gibt und diese nicht "schlechter" sind als die heterosexuelle Standardbeziehung. Hinzu kommt die Tatsache, dass es zunehmend Kinder in so genannten Regenbogenfamilien gibt, die natürlich auch ein Recht darauf haben, im Kindergarten nicht von anderen Kindern drangsaliert zu werden, nur weil Ihre Eltern eine gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaft führen."
Letztlich zeigt die Mitteilung von Herrn Hähner und die Diskussion darüber, dass es noch ein weiter Weg ist, bis Vorurteile und Falschinformationen gegenüber Lesben, Schwule und Transgender in der Gesellschaft soweit abgebaut sind, dass man von breiter Akzeptanz sprechen kann. Und wie wichtig in diesem Zusammenhang auch die Rolle und die Außendarstellung der CSD's in Deutschland sind.
In der Hoffnung, dass Sie als Medienvertreter mit diesen Informationen verantwortungsvoll umgehen,
verbleibe ich mit den besten Grüßen,
Dirk Bockelmann ----------------------------------------------- Pressesprecher des CSD in Leipzig